
Selbermachen — Erste Schritte
Sie möchten vorlesen — darüber freuen wir uns! Hier zeigen wir Ihnen, wie einfach es ist: Eine kurze Auflistung der ersten Schritte jeder neuen Vorlese-Initiative.
Die Idee überzeugt und die Begeisterung schlägt hoch. Doch wie soll es weitergehen? Verbündete müssen her, denn ganz allein ist es meist nicht zu schaffen. Wo und wie sind Partner zu finden?
Es empfiehlt sich, zuerst den privaten Rahmen auszuloten. Machen Sie einfach eine Liste von Freunden, Bekannten und Verwandten, die sich eventuell von der Idee überzeugen lassen könnten. Fragen kostet nichts. Die Gespräche im privaten Raum geben auch denjenigen, die zunächst den Auftritt in der Öffentlichkeit scheuen, eine Möglichkeit zum Üben und Überprüfen ihrer eigenen Argumente.
Freiwilligenagenturen
sind eine weitere Anlaufadresse. Möglicherweise gibt es dort bereits
Interessierte, die Lust haben, eine Vorlese-Initiative mit aufzubauen.
Die erste Vorlesestunde rückt näher. Was noch zu tun ist, kann im Team besser bewältigt werden. Anstehende Aufgaben lassen sich aufteilen und schneller erledigen. Das Wichtigste ist, einfach anzufangen!
Einladungs-Poster von „Lesewelt Hamburg“
Geeignete
Räume sind wichtig für jede Vorlese-Initiative. In Berlin beispielsweise
wurden Kontakte zu Bibliotheken aufgenommen und dort das Konzept von Lesewelt
vorgestellt. Aber auch Jugendtreffs und Kindertagesstätten in der unmittelbaren
Umgebung sind gute Adressen, um dort zu starten. Ebenso bieten sich Vereins-
und Gemeinderäume zum Vorlesen an. Wichtig ist vor allem, dass die
Orte niedrigschwellig sind, d.h. einladend für Kinder sind (Klassenzimmer
etwa sind eher ungeeignet, da die Kinder in ihrem Alltag hier Lern-, ggf.
auch Stress-Situationen erleben). Gleichzeitig gilt: Vorlesestunden schmücken
jeden Veranstaltungsort. Buchhandlungen und Büchereien profitieren
von neuen Lesern und können sie im Rahmen einer Vorlese-Initiative
mit ihrem Angebot vertraut machen.
Sollten Sie anfänglich abgewiesen werden, lassen Sie sich nicht entmutigen. Manchmal verhindern festgefahrene Strukturen zunächst die Öffnung einzelner Institutionen für neue Konzepte. Bibliotheksmitarbeiter, Lehrer und Erzieher kann man gewinnen, wenn sie die positiven Effekte eines solchen Programms auf die Kinder erkennen.
Eine angenehme Atmosphäre spielt beim Vorlesen eine nicht unbedeutende Rolle. Vorleserinnen, Vorleser und Kinder sollen sich geborgen fühlen und in Ruhe lesen können. In öffentlichen Räumen vom Gemeindehaus bis zum Kinderhort lassen sich mit Kreativität und Unterstützung gemütliche Ecken zum Vorlesen einrichten. Kissen und Decken, die für die Vorlesegruppe reserviert sind und für sie verwahrt werden, sind eine erste Möglichkeit. Eventuell finden sich hier und da ein ausrangiertes Sofa oder bequeme Stühle. Vielleicht findet sich ein großzügiger Spender im Ort, der Geld für ein Sofa oder andere bequeme Sitzgelegenheiten bietet oder Möbel abzugeben hat.
Beim Vorlesen nach dem Modell von „Deutschland liest vor“ sind die Vorleseorte öffentlich, d. h. für jeden zugänglich. Lesen Sie in privaten Räumen vor, ist es auch hier wichtig, dass die Kinder sie gut erreichen können. Ist das nicht möglich, lässt sich vielleicht in Absprache mit Eltern oder anderen Personen ein privater Fahrdienst organisieren.
Für jede Art von Vorlese-Initiative gilt: Regelmäßiges Vorlesen führt zum größten Erfolg. Die zuhörenden Kinder müssen sich auf einen festen Termin verlassen können. Um die günstigsten Zeiten für die kleinen Gäste auszuloten, sind die Erfahrungen von Bibliotheksmitarbeitern, Lehrern oder Eltern sehr hilfreich. Sie wissen oft, wann die günstigsten Tage und Zeiten zum Vorlesen sind und stehen in engem Kontakt mit Schulen und Kindergärten. Hier kommt es, wie so oft, ganz auf die örtlichen Gegebenheiten an. Verschiedene Kriterien spielen bei der Festlegung der Vorlesezeiten eine erhebliche Rolle, z. B.:
· Schulschluss
· Essenzeiten
· eventuell Ruhezeiten bei kleineren Kindern
· Hausaufgaben
· Öffnungszeiten der Bibliotheken
· Busfahrzeiten in kleineren Orten und Gemeinden
· Abholzeiten bei den Kindertagesstätten
Probieren Sie es einfach aus — legen Sie sich auf einen Tag und eine Zeit fest, zu der Sie regelmäßig vorlesen können. Nie wird ein einziger Termin für alle Beteiligten perfekt sein. Lassen Sie sich davon jedoch nicht abhalten.
Freiwillige Vorleserinnen und Vorleser
Sie
suchen freiwillige Vorleserinnen und Vorleser zur Unterstützung? Um
Menschen für freiwillige Tätigkeiten zu gewinnen, spricht man
sie am besten ganz persönlich an. Viele Leute würden sich gern
engagieren — sie wissen nur nicht, wo Freiwillige gebraucht werden.
Mancherorts haben sich in den letzten Jahren Freiwilligenagenturen gegründet,
die geeignete Personen an Projekte und Vereine weitervermitteln. Auch durch
Veröffentlichungen in der regionalen Presse lassen sich Mitstreiter
gewinnen — allerdings kann eine Anzeige oder ein Aufruf eine ganze Menge von Anfragen und Meldungen nach sich ziehen, mit denen man dann umgehen muss. Wenn sich jemand freiwillig meldet, um vorzulesen, muss er schnell eine Antwort bekommen. Geeignete Kandidaten kann man z.B. nach einem telefonischen Vorgespräch zu einem Interview einladen. So können sich die Initiatoren vergewissern, ob der- oder diejenige ernsthaft gewillt und auch persönlich geeignet ist, Kindern regelmäßig vorzulesen.
Im Mittelpunkt der Vorlesenachmittage stehen die Kinder. Man erreicht sie am besten über Schulen, Kindergärten oder Jugendtreffs. Haben die Kinder erst einmal Feuer gefangen, bringen sie oft Freunde und Geschwister zu den nächsten Vorlesenachmittagen mit. Kleine Anreize können die Kinder zur regelmäßigen Teilnahme motivieren. Beim manchen Vorleseinitiativen bekommen die Jungen und Mädchen nach jedem Vorlesenachmittag, an dem sie sich beteiligt haben, auf ihre ganz eigenen Vorlesekarten einen Stempel. Mit zehn Stempeln erhalten die Kinder eine Urkunde und ein kleines Buchgeschenk.
Entscheidend
für Kinder ist Kontinuität und Verlässlichkeit. Sie legen
Wert darauf, immer zusammen mit „ihrer“ Vorleserin oder „ihrem“
Vorleser zu lesen. Sie werden sehen: Schnell kennen sich viele Kinder und
Vorleserinnen/Vorleser so gut, dass sich gegenseitiges Vertrauen einstellt.
Eine weitere wichtige Gruppe sind die Eltern. Kleinere Kinder sind darauf angewiesen, dass sie zu den Vorlesenachmittagen begleitet werden. Also gilt es, schon im Vorfeld den Eltern die Idee Ihres Vorlese-Projekts nahe zu bringen. Günstig ist es, die Kontakte über Schulen und Kindertagesstätten oder über Bibliotheken herzustellen. Vor allem angebotene Schnupperbesuche werden gern genutzt. Dabei geht es darum, dass Eltern sehen, wie ein Vorlesenachmittag abläuft. Lassen Sie die Eltern sich selbst vom Nutzen, den ihre Kinder durch die Teilnahme am Vorlesen haben, überzeugen. Die Eltern leseungeübter Kinder haben oft selbst kaum Zugang zu Bibliotheken. Für sie bietet der Besuch bei einer Vorlesestunde die Möglichkeit, neue Kontakte und eventuell auch eine Beteiligung am Projekt einzugehen. Gehören zu Ihrer speziellen Zielgruppe zum Beispiel Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache, bietet es sich für Sie vielleicht an, Informationsblätter auch in der jeweiligen Sprache zu verfassen. Diese Aufgabe könnten dann vielleicht hilfsbereite Mütter oder Väter von Vorlesekindern übernehmen, die eine andere Muttersprache haben.
Vorlese-Initiativen werden erfahrungsgemäß auch von Bibliotheksmitarbeitern selbst gestartet, denn sie haben ein Interesse an neuen Nutzern und der Verbreitung ihres Serviceangebots. Andere Vorleser können in Büchereien, aber auch in Schulen und Kindertagesstätten in der unmittelbaren Umgebung ihr Projekt vorstellen und über die Vorlesestunden informieren.
Viele
Neu-Vorleser sind auf der Suche nach „dem richtigen Buch“ zum
Vorlesen. Die Frage nach einem „Standardwerk“ oder „Klassiker“
für Kinder lässt sich eigentlich nicht beantworten — jede
Kindergruppe ist anders, jede Vorlesesituation ist unterschiedlich, jede
Geschichte hat ihre eigene Magie. Fragen Sie doch einfach in Ihrem Bekanntenkreis
nach „erprobten“ Lieblingsbüchern, oder greifen Sie auf
Erfahrungen mit Ihren eigenen Kindern oder Enkeln zurück. Versuchen
Sie nicht, Kindern Ihre eigenen Favoriten aufzudrängen, aber scheuen
Sie auch nicht das Experiment, Bücher auszuprobieren, die auf den ersten
Blick vielleicht nicht den Zeitgeist der heutigen Kindergeneration zu treffen
scheinen. Man kann so manche Überraschung erleben und feststellen,
wie zeitlos doch einige Kinderbücher wahrlich sind...
In
der Rubrik „Buchtipps“ finden Sie einige Empfehlungen
von aktiven Vorlesern und Listen von „Lesewelt“.
Die Kinder, die durch das Vorlesen nach dem Modell von „Deutschland liest vor“ erreichen werden sollen, sind längeres Zuhören nicht gewohnt. Sie werden es zu Anfang schwer haben, sich zu konzentrieren und lange still zu sitzen. Richten Sie sich darauf ein und wählen Sie zum Vorlesen kurze Texte aus. Verwenden Sie Bilderbücher und sprechen Sie mit Ihren Zuhörern über das Gelesene — es wird manchmal nötig sein, einzelne Begriffe oder schwierige Passagen zu erklären oder Teile des Inhalts einmal zusammenfassend zu erzählen.
In Bezug auf die konkrete Bücherbereitstellung sind Bibliotheken hervorragende Vorleseorte. Hier ist eine reichhaltige Auswahl vorhanden, und Mitarbeiter können den Vorlesern bei der Buchauswahl behilflich sein. Wenn Sie diese Möglichkeit nicht haben, sehen Sie sich entsprechend der örtlichen Gegebenheiten nach Alternativen um. Gibt es zum Beispiel in der nächsten Stadt eine Bibliothek, die möglicherweise Bücher ausfährt? Ist in der Gegend ein Bücherbus unterwegs? Gibt es Personen oder Firmen, die für die Bücherbeschaffung angeheuert werden können, oder die für den Bücherkauf spenden wollen? Kann man mit Buchhandlungen sinnvolle Kooperationen eingehen, von denen alle Seiten profitieren?
Bei kleineren Vorlese-Initiativen ist durchaus zu überlegen, ob die Vorleserinnen und Vorleser ihre eigenen Bücher mitbringen. Mit einem geheimnisvollen Bücherkoffer die Kinder aufzusuchen, macht den Vorlesenachmittag sicherlich für beide Seiten noch ein wenig spannender. Die Kinder fragen sich, welche Bücher die Kiste wohl enthält, der oder die Vorlesende ist neugierig, was sich die Jungen und Mädchen aussuchen werden.
An manchen Orten steht an den Vorlesenachmittagen in jeder Bibliothek eine Bücherkiste mit einer Vorauswahl an Büchern bereit. Sie dient als Anregung für die Vorleserinnen/Vorleser und Kinder. Natürlich können die Kinder auch andere Bücher aussuchen. Ein weiterer Vorteil der Bücherkiste: Hier können auch die Bücher wieder hineingelegt (und damit quasi „reserviert“) werden, die in der kommenden Woche weitergelesen werden sollen.
Premiere!
Nun ist es so weit. Das Vorlesen kann beginnen. Die Kinder werden begrüßt
und, wenn die Situation dies erfordert bzw. ermöglicht, in kleine Vorlesegruppen
aufgeteilt. Wenn Sie „Vorlesekarten“ verteilen, füllen
die Vorleser die Karten am Ende jeder Vorlesestunde aus. Vielleicht haben
Sie auch einen kleinen Stempel. Erinnern Sie Ihre kleinen Zuhörer an
den nächsten Vorlesenachmittag — falls sie nicht ohnehin mit
dieser Frage auf Sie einstürmen...
Denken Sie für den praktischen Ablauf des Vorlesenachmittags vorher an die Vorlesekarten für die Kinder und eventuell einen Stempel; aber auch Malstifte, Papier und Spiele sind nützlich, wenn die Konzentration der Kinder auf die Bücher abnimmt — ein ganz natürlicher Vorgang, der Sie nicht entmutigen oder kränken muss. Um den Erfolg Ihres Projekts über den ersten Nachmittag hinaus zu tragen, sollte Informationsmaterial über Ihre Initiative mit Kontaktangaben und Ihren Vorlesezeiten griffbereit sein.
Lassen Sie Ihrem Vorlese-Projekt öffentliche Aufmerksamkeit zukommen: Wollen Sie weitere Vorleserinnen und Vorleser finden und auch die Öffentlichkeit über das neue Angebot informieren, geben Sie vor dem Start der lokalen Presse über den Beginn des Vorlesenachmittags Bescheid. Auch die Geschäftsstelle von „Deutschland liest vor“ freut sich über Ihre Nachricht!
Lassen
Sie sich von unserer Liste bitte keinesfalls abschrecken. Jede neue Vorlese-Initiative
hat andere Ansprüche an sich und andere Rahmenbedingungen für
das Vorlesen. Manche sind größer, manche kleiner; die einen bereiten
gründlich alles vor, die anderen stürzen sich spontan ins Abenteuer.
Sehen Sie unsere Tipps als Möglichkeiten an, nicht als Verpflichtungen.
Sie sind Ihr eigener Chef und haben bestimmt schon eine Menge Ideen, wie
Sie Ihr Projekt verwirklichen wollen.
Selbst wenn gerade in der ersten Vorlesestunde noch vieles neu und bestimmt nicht perfekt ist, sich Vorleser und Kinder erst einmal an die Situation und den ungewohnten Ort gewöhnen müssen: Wir können Sie nur bestärken und immer wieder betonen, dass das eigentlich Wichtige ist, loszulegen. Sie werden sehen: Es ist wirklich nicht schwierig. Und vor allem: Die Arbeit lohnt sich! Welcher Vorleser kann bei der Frage: „Kommst Du nächste Woche wieder?“ schon „Nein“ sagen?
Deutschland liest vor — lesen Sie mit!